Eastbourne ist ein Ort, den man leicht unterschätzt. Wir waren im Oktober für drei Tage an der Südküste Englands, zum ersten Mal, und hatten uns wenig vorgenommen: eine Suite mit Blick auf die See, ein paar Wege zu Fuß und ein Abendessen im Haus. Genau daran sollte man diese Stadt auch messen. Sie lebt nicht von großen Gesten, sondern von einer Promenade, einem Kiesstrand und einer Ruhe, die in englischen Seebädern selten so konsequent ist.
Ankunft im Lansdowne
Untergekommen sind wir im Lansdowne Hotel an der King Edward's Parade. Das Haus gehört seit 1912 derselben Familie, was man an der Fassade sieht und am Empfang merkt. Die Straße verläuft parallel zur Promenade und wurde im 19. Jahrhundert so angelegt, dass möglichst viele Zimmer einen Blick aufs Meer bekommen. Der Empfang ist professionell und freundlich, ohne die aufgesetzte Note, die manche Häuser aus der Broschüre lernen. Der Koffer wird abgenommen, der Schlüssel erklärt, und auf die Frage nach dem Weg zum Pier bekommen wir eine konkrete Antwort samt der Stelle, an der man stehen bleiben sollte. Zimmer, Restaurant und Preise stehen auf der Website des Hotels.
Unsere Suite liegt im ersten Stock und öffnet sich mit einem Erker zur Promenade und zur See. Die Einrichtung ist geschmackvoll, und weil das schnell gesagt ist, hier die Einzelheiten: dunkle Blütentapete, vier gerahmte Drucke in einem Quadrat über dem Bett, ein Schreibtisch mit Spiegel, zwei Sessel vor dem Fenster, ein Glastisch, ein Kronleuchter im Erker und goldene Vorhänge, die wir während des ganzen Aufenthalts nicht geschlossen haben. Der Blick ist der eigentliche Grund für dieses Zimmer. Am ersten Abend ist das Meer grau, die Promenade fast leer, zwei Menschen mit Hund unterwegs. Man sieht von hier nicht nur Wasser, sondern die Fassaden, den Kiesstrand und den Horizont in einem Bild, und das bleibt auch am dritten Tag so.
Die Suite im Lansdowne: petrolfarbene Wände, Blütentapete, ein Schreibtisch mit Spiegel und vier gerahmte Drucke über dem Bett
Das Haus versucht nicht, jünger zu sein als es ist. Der Teppich ist Teppich, der Radiator arbeitet hörbar, die Möbel stammen aus einer Zeit, in der Schränke noch gezimmert wurden. Wer Designhotels mit Sichtbeton und Duftspender sucht, ist hier falsch. Wer ein Zimmer will, in dem man morgens den Vorhang aufzieht und weiß, warum man hergekommen ist, ist richtig.
Das 1912
Das Hotelrestaurant heißt 1912. Der Raum ist warm beleuchtet, die Karte kurz, das Personal aufmerksam, ohne im Weg zu stehen. Wir haben an zwei Abenden dort gegessen und beide Male gut.
Die Zwiebelsuppe zum Auftakt ist der beste Gang des Abends. Kräftige Brühe von gerösteten Zwiebeln, dunkel und aromatisch, darüber eine Käsehaube, die man erst mit dem Löffel durchstößt. Sie kommt heiß, ist gut gewürzt und bleibt zurückhaltend, und sie hat nicht die Süße, die solche Suppen oft verdirbt.
Der Hauptgang hält das Niveau. Wir hatten Steak und Tomahawk vom Schwein, beides auf den Punkt, beides ohne schwere Sauce, die etwas retten müsste. Am Knochen des Tomahawks sitzen Röstaromen, die Beilagen bleiben im Hintergrund. Dass man in England inzwischen gut isst, ist keine Neuigkeit. Dass ein Hotelrestaurant an dieser Küste so kocht, ist eine.
Das Frühstück ist reichhaltig und typisch englisch: Eier, Speck, Würstchen, Bohnen, Tomaten, Toast, dazu Obst und Joghurt. Die Qualität ist sehr gut, das Ambiente ruhig, der Kaffee kommt nach, ohne dass man fragen muss. Wir sind beide Male länger sitzen geblieben als geplant.
Pier und Promenade
Die Promenade ist der Mittelpunkt der Stadt. Im Oktober sind dort Einheimische unterwegs, ältere Paare, Läufer, Hundebesitzer, und man läuft nicht durch eine Kulisse. Der Strand ist Kies und kein Sand, was für die Füße gewöhnungsbedürftig ist und für Fotos einen ruhigen Vordergrund ergibt. Hinter der Promenade liegen die Carpet Gardens, Beete, die im Herbst gepflegter wirken als mancher Garten im Sommer.
Die Pier stammt von 1872, ist viktorianisch und endet in einer goldenen Kuppel. Wir sind bis zur Mitte gegangen und haben aufs Wasser gesehen; viel mehr braucht es an diesem Ort nicht. Am Strand davor wächst Dünengras in dichten Büscheln, das im Gegenlicht fast grafisch wirkt. Danach ein Kaffee am westlichen Ende der Promenade und der Weg zurück.
Die Pier von Eastbourne, vom Kiesstrand aus zwischen Dünengras fotografiert
Beachy Head und die Seven Sisters
Am zweiten Tag sind wir nach Beachy Head gefahren, zu den Kreidefelsen, die 162 Meter über dem Wasser liegen und damit die höchsten ihrer Art in Großbritannien sind. Der Bus braucht von der Stadt etwa zwanzig Minuten, der Wind nimmt unterwegs zu. Oben steht man vor einer Landschaft, die deutlich größer ist als alles, was man von der Promenade aus ahnt, und die an einem klaren Tag bis nach Frankreich reicht.
Westlich liegen die Seven Sisters, eine Kette von Hügeln, die zum Meer abfällt. Man kann sie erwandern oder am Rand stehen und dem Licht auf der Kreide zusehen. Wir haben uns für das Zweite entschieden, aus Zeitgründen und weil der Wind an diesem Tag kräftig wehte. Wer wandern will, sollte feste Schuhe einpacken: Die Wege sind bei Nässe rutschig, und es gibt wenig, woran man sich festhalten kann.
Innenstadt und The Beacon
Die Innenstadt ist klein und gepflegt. Es gibt viele kleine Läden, einen Buchladen, Cafés mit wenigen Tischen und eine für England typische Zahl an Charity Shops, die hier besonders ordentlich wirken. Für einen Nachmittag reicht das gut, für einen ganzen Tag auch, wenn man langsam geht und nicht jede Straße abarbeitet.
Für den Regenvormittag haben wir das The Beacon genutzt, das Einkaufszentrum in der Stadtmitte, mit Ketten, Cafés und einem Kino. Es ist kein Ausflugsziel, sondern eine praktische Lösung für schlechtes Wetter, und dafür funktioniert es gut. Beim nächsten Besuch würden wir den Film mitnehmen.
Den letzten Abend haben wir im Erker verbracht, mit Tee und dem Geräusch von Kies, den die Wellen ziehen. Draußen war die Promenade nass, die Lampen brannten, das Meer lag dunkel. Es war der ruhigste Moment der drei Tage, und der, an den wir uns erinnern.
Fazit
Eastbourne ist keine Reise, von der man im Büro erzählt. Es ist eine Reise, nach der man ausgeruht zurückkommt. Das Lansdowne hat daran großen Anteil: ein Haus mit Geschichte, ein Personal, das den Unterschied macht, eine Suite, in der man tatsächlich wohnen möchte, und ein Restaurant, für das man auch ohne Zimmernachweis herkommen würde. Wer drei Tage Zeit hat, sollte die Nebensaison nehmen. Die Preise sind niedriger, die Promenade ist halb leer, und die Zwiebelsuppe schmeckt im Oktober so gut wie im August.
Gut zu wissen
Adresse: The Lansdowne Hotel, King Edward's Parade, Eastbourne BN21 4EE, England. Familiengeführt seit 1912, vier Sterne, rund 100 Zimmer, direkt an der Promenade.
Zimmer: Wer den Erker will, sollte ausdrücklich eine Suite oder ein Zimmer mit Erkerfenster und Meerblick buchen. Der Unterschied zum Zimmer zur Seite ist groß, nicht nur wegen der Aussicht, sondern weil der Erker dem Raum einen zweiten Raum gibt.
Website: lansdowne-hotel.co.uk
Anreise: Mit dem Zug ab London Victoria bis Eastbourne, vom Bahnhof zu Fuß etwa fünfzehn Minuten an der Promenade entlang. Mit dem Auto ab Gatwick rund 45 Minuten. Parken rund um die King Edward's Parade ist begrenzt, die aktuelle Regelung am besten vorab beim Hotel erfragen.
Restaurant: Das 1912 im Haus ist abends geöffnet, Frühstück für Hausgäste. Wer nur zum Essen kommt, sollte vorher reservieren.
Preise: Stark saisonabhängig. Im Oktober liegt die Nebensaison deutlich unter den Sommertarifen, genaue Preise und Verfügbarkeit direkt beim Hotel prüfen.
In der Stadt: Pier und Promenade zu Fuß erreichbar, Innenstadt mit kleinen Läden und Charity Shops in wenigen Minuten, The Beacon mit Kino für Regentage, Beachy Head mit dem Bus in etwa zwanzig Minuten.
Bildnachweise
Alle Fotos: Jan Chew.