Kyoto im November ist die Stadt der Lichter aus Ahorn. Die Japaner nennen es Momijigari, die Jagd auf das rote Laub, und sie ist ein Nationalsport mit tausend Jahren Tradition: Wenn die Ahorne sich färben, fährt das Land in die Tempel, und die Tempel öffnen ihre Gärten nachts, mit Scheinwerfern, die die Blätter von unten erleuchten. Die Hochsaison dauert drei Wochen, von Mitte bis Ende November, und sie ist die einzige Zeit, in der Kyoto sich selbst am ähnlichsten ist.
Der Anfang liegt im Osten der Stadt. Kiyomizu-dera steht seit 778 auf dem Hang über Kyoto, die heutigen Gebäude stammen aus dem Jahr 1633, und die Bühne des Haupthauses, eine Holzterrasse auf Pfeilern, gehört zu den meistfotografierten Orten Japans. Von hier oben sieht man die Stadt in der Senke und im November die Ahorne in den Hängen davor. Wer um sechs morgens kommt, wenn die Anlagen öffnen, hat die Terrasse mit den Mönchen und ein paar Krähen gemeinsam. Wer um elf kommt, hat sie mit der Welt.
Kiyomizu-dera im November, die Laubsaison in Kyoto
Arashiyama und der Fluss
Der Westen der Stadt ist der Wald. Arashiyama liegt am Katsura, einem Fluss, der im Herbst die Berge spiegelt, und die Brücke Togetsukyo überspannt ihn seit Jahrhunderten mit einem Namen, der Mondüberschreitung bedeutet. Hinter der Brücke steigt der Bambushain, eines der bekanntesten Bilder Kyotos: ein Pfad durch eine Plantage, die so dicht steht, dass der Wind in den Halmen ein Geräusch macht, das die Japaner den leiseren Regen nennen. Der Hain ist knapp dreißig Gehminuten von der Brücke entfernt, und wer die Morgenstunde abwartet, gehört zu den wenigen, die ihn leise erleben.
Die Gegend um die Brücke ist die Cafés und die Kimonoverleihe, die westlichsten sind in den Seitenstraßen um die Bahnen, und die Restaurants am Fluss servieren Tofu nach Art der Klöster, das aus den Tempelküchen stammt. Wer gut essen will, wählt die Shojin-Ryori, die Küche der buddhistischen Mönche, die seit acht Jahrhunderten ohne Fleisch auskommt und trotzdem satt macht.
Die Togetsukyo-Brücke in Arashiyama über dem Katsura
Die Pagode und die Etikette
Die dreistöckige Pagode von Kiyomizu, ein paar Schritte von der Bühne entfernt, ist im November das dichteste Bild der Stadt: rotes Laub, rote Pagode, grauer Himmel, und davor die Menschen, die genau dasselbe fotografieren. Die Pagode steht seit dem 17. Jahrhundert auf dem Hang, und ihre Proportionen sind der Grund, warum japanische Tempel so oft kopiert und so selten getroffen werden.
Zur Etikette gehört das Offensichtliche: Schuhe aus in den Hallen, keine Selfies vor den Altären, kein Sprechen in den Gärten der Meditation, und wer die Mönche respektiert, die die Anlagen verwalten, bekommt dieselbe Ruhe zurück. Die Tempel Kyotos sind keine Kulissen, sie sind Arbeitsstätten einer Religion, die ihre Häuser seit vierzehn Jahrhunderten mit den Touristen teilt, solange die Touristen die Regeln teilen.
Die Pagode von Kiyomizu-dera im Novemberlaub
Praktisch
Anreise: Der Kansai-Flughafen liegt achtzig Bahnminuten von Kyoto, der Haruka-Express fährt ihn zweimal die Stunde, und die Fahrt gehört zu den ordentlicheren Bahnerlebnissen der Welt. In Kyoto selbst sind die Busse das Verkehrsmittel, die Tageskarte gilt in allen Linien, und die Tempel im Osten und Westen sind zu Fuß oder mit einer einzigen Fahrt erreichbar. Beste Zeit: Mitte bis Ende November, mit der Färbung der Ahorne als Termin, die in den Höhenlagen früher kommt als am Fluss. Die Japaner nutzen die Vorhersagen der Webseiten, die die Färbung für jeden Tempel verfolgen, und wer dasselbe tut, verpasst die Saison nicht. Budget: Kyoto ist das teuerste Reiseziel Japans nach Tokio, aber die Tempel kosten zwischen vier und fünf Euro Eintritt, die Küche der Garküchen am Nishiki-Markt kostet ein Drittel der Restaurants, und die Ryokan im Norden der Stadt sind die Unterkünfte, die man einmal gemacht haben muss, um zu verstehen, warum die Japaner ihre eigenen Hotels so mögen.
Fazit
Kyoto im November ist ein Termin, kein Zufall. Wer die drei Wochen trifft, sieht die Stadt in ihrer vollendeten Form, und wer sie verpasst, kommt im Frühling wieder, wenn die Kirschen dran sind, und verzeiht sich alles.
Bildnachweise
Kiyomizu-dera: Martin Falbisoner, CC BY-SA 4.0. Togetsukyo-Brücke: DimiTalen, CC0. Pagode von Kiyomizu: DimiTalen, CC0. Alle Aufnahmen via Wikimedia Commons.
Tempel im Morgenlicht
Der Kiyomizu-dera öffnet um sechs Uhr morgens, und die ersten Stunden gehören den Einheimischen, die zum Gebet kommen. Die Momiji-Nächte beleuchten die Ahorn in den Tempelgärten, und die Termine stehen im Herbstkalender der Tempel, meist von Mitte November bis Anfang Dezember. Für die Fortbewegung gilt die IC-Karte: Die landesweit nutzbare ICOCA gilt auch in Kyotos Bahnen und Bussen, und das Aufladen erfolgt am Automaten. Wer die Tempel des Nordens plant, rechnet mit Busfahrten von einer halben Stunde, denn die U-Bahn erreicht die Randbezirke nicht. Und für den Abend: Die Gassen um den Yasaka-Schrein beleuchten im Herbst die Laternen, und die Stände verkaufen warme Speisen, die man im Gehen isst.